Was ist Selbständigkeit?

Albert Schweizer sagte einst: „Unsere geistige Unselbständigkeit nimmt in demselben Maße zu wie die materielle.“ Dies ist die negative Sicht auf eine positive Sache.

Ich darf Ihnen in einem kurzen Essay einen Einblick in die Selbständigkeit der einzelnen Menschen geben – und drehe hierzu gleich mal den Satz um: Unsere geistige Selbständigkeit nimmt in demselben Maße zu wie die materielle.

Selbständigkeit? Gibt es so etwas wie Selbständigkeit überhaupt? Ich möchte einmal behaupten, es gibt sie nicht. Und das Paradoxon ist: Umso selbständiger wir uns heutzutage fühlen, umso mehr sind wir auf die Gesellschaft angewiesen. Stellen Sie sich eine alltägliche Situation vor: Sie wollen den Weg von Zuhause zur Arbeit möglichst ohne fremde Hilfe zurücklegen. Sie besitzen ein Auto, das Sie von den Fahrzeiten öffentlicher Verkehrsmittel unabhängig macht. Sie haben einen angenehmen Büroarbeitsplatz, der Ihnen all das ermöglicht, was Sie zum Arbeiten brauchen: ein Telefon, einen Computer, eine Internetverbindung. Der Raum ist hell und gut klimatisiert. Das Betriebsklima ist auch gut. Die Pausen sind ausreichend, das Essen der Personalkantine schmeckt. Während der Arbeit haben Sie auch Zeit, sich mit Ihren KollegInnen auszutauschen ­ nicht nur in Meetings sondern auch in den Pausen dazwischen. Sie prüfen Ihr Bankkonto am Handy, haben beschlossen nach der Arbeit noch das Auto zu tanken und etwas einzukaufen.

Im Supermarkt fragen Sie sich, ob Ihr Partner auch noch etwas braucht und rufen ihn spontan an. Der schickt Ihnen ein Foto von der italienischen Spaghetti-Marke, die er am liebsten hat und bittet Sie per Nachrichten-App, das doch auch noch mitzubringen. „Das ist Selbständigkeit!“ Denken Sie sich das auch? So denken wir alle. Wir glauben, wenn wir den freien Willen haben zu entscheiden, was wir wollen, dann sind wir selbständig. Unsere Selbständigkeit ist aber an viele Bedingungen geknüpft.

In der Rehabilitation nennen wir diese Dinge „Kontext-Faktoren“. Sie machen uns erst selbständig. Wir sind täglich auf sie angewiesen. Durch die moderne Gesellschaft mit all ihren wissenschaftlichen Errungenschaften nimmt die Anzahl der „Gadgets“ oder Kontextfaktoren, die wir im Alltag verwenden können, ständig zu. Wir werden somit immer mehr in die Lage versetzt, selbständig zu sein. Wir können immer mehr unserer Gedanken und Wünsche verwirklichen.

So können wir heute mit Verkehrsmitteln wie Autos, Bahn oder Flugzeugen große Entfernungen zurücklegen. Aber auch im Nahbereich sind wir nicht unbedingt mehr auf die Fähigkeit des Gehens angewiesen. Wir können die fehlende Fähigkeit durch Hilfsmittel wie Gehhilfen oder Fahrhilfen ausgleichen. Hierbei verschwindet die Grenze zwischen Hilfsmittel für den Normalgebrauch und Hilfsmittel bei körperlicher Einschränkung. Zurück zum obigen Beispiel, dem Arbeitsalltags. Die Hilfsmittel die hier im Büro angewendet werden, benötigen nicht unbedingt alle Fähigkeiten eines „Durchschnittsmenschen“. Vieles wird einem abgenommen. Andererseits ist der Normalbürger aber auch in seiner Selbständigkeit eingeschränkt, wenn man ihm eines von seinen täglichen Hilfsmitteln wegnimmt. So fühlt man sich hilflos, wenn einem das Smartphone abhandenkommt oder der Akku leer wird, weil man vergessen hat es aufzuladen.

Selbständigkeit hat somit viele Facetten. Wichtig ist für uns jedoch, dass Selbständigkeit nicht mehr durch die Fähigkeit definiert wird, sich selbst in allen Belangen zu versorgen und ein selbständiges Leben ohne Fremdhilfe zu führen. Selbständigkeit, insbesondere jene des selbstbestimmten Lebens, entsteht heute durch die Kulturgüter die uns täglich das Leben erleichtern. Diese werden uns von der Gesellschaft der gesamten Menschheit zur Verfügung gestellt und ermöglichen uns täglich besser unsere selbst gesteckten Ziele zu erreichen. Wir sind erst am Anfang. In den nächsten Jahrzehnten dürfen wir auf immer mehr Hilfsmittel hoffen, die den Alltag verbessern, egal wie gut unsere Eigenmobilität oder Hantierfähigkeit ist. Wesentlich ist nur die geistige Fähigkeit, Ziele zu formulieren und diese erreichen zu wollen. Wir leben in einer spannenden Zeit. Freuen Sie sich über eine höhere Selbständigkeit durch weiteren technischen Fortschritt.

Aus einem anderen Blickwinkel: Wir benötigen immer die Gesellschaft um selbständig zu sein, alleine sind wir es nie. Wir benötigen Menschen die uns helfen, diese Selbständigkeit zu erhalten. Dabei denken wir nicht nur an die direkte Hilfe bei Hausarbeiten oder den Tätigkeiten wie das Ankleiden, Waschen oder Essen. Wir benötigen alle ein großes Maß an Hilfestellung durch die Gesellschaft. So können die wenigsten Menschen für ihren Unterhalt ohne fremde Hilfe auskommen. Das Dach über ihrem Kopf, die beheizte Wohnung, der elektrische Strom, das Telefon, alles was wir um uns sehen ist Teil der Gesellschaftsleistung, die unsere Selbständigkeit ausmacht.

Ohne Gesellschaft sind wir unselbstständig. So gesehen ist unser größter Schatz der Selbständigkeit die menschliche Gesellschaft, nicht nur die in unserer nächsten Nähe, nicht nur die unseres eigenen Staates. Wir sind genauso auf die Medikamente aus Amerika angewiesen, wie auf die Hightech-Smartphones und Computer aus China, wie auch auf die Kleidung, das Obst und Gemüse, den Kaffee und Tee, den Fisch und das Fleisch aus fernen Ländern. Die ganze Welt hilft uns bei unserer Selbständigkeit. Wir sind eine Welt!

Ihr Dr. Wolfgang Kubik

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