Willkommen
... in Holland

IMG_6193 - kc-Kind
Eine kleine Geschichte

Ich werde oft gefragt, wie es ist, ein behindertes Kind großzuziehen.
Man kann es sich eigentlich nicht vorstellen. Lass mich erzählen:

Wenn du ein Baby erwartest, ist es so wie ein Reise zu planen – z.B. nach Italien. Du kaufst Reiseführer und machst wunderbare Pläne, was du alles besichtigen wirst: das Kolosseum, Michelangelos David, die Gondeln von Venedig.
Vielleicht lernst du auch einige italienische Redewendungen. Alles ist sehr aufregend!
Nach Monaten voller Vorfreude kommt endlich der Tag. Du packst deine Taschen und los geht’s. Einige Stunden später landet das Flugzeug. Die Flugbegleiterin kommt und sagt: „Willkommen in Holland!“
„Holland?!“, sagst du. „Was meinen Sie mit Holland? Ich habe Italien gebucht! Ich wollte nach Italien. Mein ganzes Leben lang träumte ich davon, nach Italien zu fahren!“ „Es gab eine Änderung im Flugplan. Wir sind in Holland gelandet und da müssen Sie jetzt bleiben.“
Das Wichtige dabei ist, dass man dich nicht an einen abstoßenden, dreckigen Ort gebracht hat, wo Hunger und Krankheit vorherrschen. Es ist nur ein anderer Ort. Alles ist dort viel langsamer und auch weniger spektakulär als in Italien. Wenn du dann eine Zeit lang dort bist und dich gefangen hast, wirst du dich umsehen und bemerken: In Holland gibt es Windmühlen, Tulpen und sogar Rembrandts!
Aber alle, die nach Italien fahren oder von dort kommen, sind sehr beschäftigt und geben damit an, was für eine tolle Zeit sie dort verbringen. Und du wirst dir immer wieder sagen: „ Ja, dort hätte ich hin sollen. Das hätte ich geplant!“ Dein Schmerz darüber wird nie aufhören, denn der Verlust eines Traumes ist ein sehr bedeutsamer Verlust.
Aber wenn du dein Leben damit verbringst, darüber zu klagen, dass du nicht nach Italien fahren konntest, wirst du nie frei sein, das ganz Spezielle, die vielen liebenswerten Dinge an Holland zu genießen.
 
Emily Pearl Kingsley (Übersetzt: A. Ganster)